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Hippocampus

Unter das Thunfischtatar mischt er etwas Tomaten/Avocado/Gurken-Salat und schmeckt es mit kleinen Kapern pikant ab – so wünschen wir uns ein Entree: komplex, feinsäuerlich und anhaltend wie guter Wein – aber nicht belastend. Mimmos Händchen fürs ebenso schlichte wie subtile Würzen mit Salz und Pfeffer statt mit all den modischen Spezereien kommt schon bei einer Kleinigkeit wie den mit Zwiebelstückchen in der Pfanne geschwenkten Steinpilzen angenehm zur Geltung, die er mit ein paar Blättchen Rucola und Spänen von Parmesan anrichtet – einfach, prima! Cosimo (»Mimmo«) Ruggiero, dem aus seiner Kindheit und Jugend in Apulien jedweder Luxus wesensfremd war und auch nach seinen Küchenjahren bei Witzigmann und Dieter Müller blieb, verbindet in seiner Cucina casalinga, so kann man nur mäßig überspitzt sagen, die italienische Einfachheit mit deutscher Gründlichkeit in der Zubereitung. (Das mit der Gründlichkeit muss man unter Berücksichtigung der italienischen Begabung sehen, sich selbst einiges nachsehen zu können. Das muss man auch Mimmo zugestehen, der bisweilen launisch ist.) Köstlich der lauwarme Linsensalat, mal mit gegrillten Babytintenfischen, mal mit gebratener Brust und Keule von der Taube mit roter Zwiebel-Konfitüre. Je edler ein Fisch, desto weniger Kochkunst entfaltet der Chef: Steinbutt oder Seewolf gibt’s gegrillt mit Gemüse, Olivenöl und Zitrone. Dementsprechend größer ist der Aufwand bei einem Schwertfisch mit lauwarmer Gemüsecaponata und Tomaten/Oliven/Minze-Vinaigrette oder beim Zander mit Kürbis/Pfifferling/Kartoffel-Ragout. Keinerlei Effekthascherei, sondern eine durchdachte Schlichtheit, die den guten Produkten und den natürlichen Geschmacksnuancen bar aller aufdringlichen Saucen und unnötigen Aufbereitungen aufs beste gerecht wird, auch beim Fleisch: Thymian aromatisiert das im Ofen gebratene ausgelöste Zicklein mit gebratenen Artischocken, Rosmarin die geschmorten Rinderbäckchen mit Kartoffel/Sellerie-Terrine, junger Wirsing und glasierter Apfel genügen zur Wildente aus dem Rohr. Aufs gewisse Etwas verzichtet Mimmo freilich nicht gänzlich, aber es erscheint so beiläufig wie die Polenta/Parmesan-Croûtons zum Osso buco oder das erdfruchtige Kartoffel-Kürbis/Carpaccio zum Rehrücken mit Pfifferlingen. Die Dolci alla frische Erdbeeren mit Mandelkrokant oder Cassata mit Kirschen in Portwein werden zum Espresso durch hausgemachte Cantucci erweitert, die abends warm vom Kuchen blechkommen – hmmm! Ideal zur Küche seines Partners passt Sergio Artiacos Service, dem alles Zeremonielle wesensfremd ist (obwohl er es beherrscht). Er prägt die lockere Atmosphäre im puristisch eleganten Restaurant und auf der sehr beliebten Gartenterrasse, er kredenzt eher fröhlich als festlich stimmende Weine aus dem Friaul und Piemont sowie der Toskana. Wer’s noch nicht weiß, begreift hier, warum die Deutschen so gern zum Italiener gehen.

Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2010.