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Flohr’s Restaurant

Seit Fernreisen den Ruch von Klimakillern und Flugpassagiere den Eindruck von U-Haft haben, boomt der Bodensee. Diejenigen Restaurants der Region, die ein Stück landeinwärts liegen, profitieren davon aber nur in Maßen. Auch Georg Flohr in seinem mit mediterranem Flair gestalteten Gasthof muss um jeden Gast kämpfen. Wirtschaftlich nicht gerade auf Rosen gebettet, hat er dennoch teure Pläne: Ein Umbau der Speiseräume sollte noch 2010 vonstatten gehen. Wir sahen dafür zwar keine Notwendigkeit, sind aber auf das Resultat sehr gespannt.
Müssen wir uns auch daran gewöhnen, jedes Jahr einen neuen Co-Koch an Flohrs Seite zu erleben? Diesmal war es ein junger Mann aus Kalifornien, der seine Sache sehr gut machte – obwohl ihn nicht unser Küchenwunder, sondern die Liebe nach Old Germany gelockt hatte. Eventuelle Befürchtungen dürften sich als unbegründet erweisen: An der leuchtend roten arktischen Lachsforelle, lauwarm auf Erbsen und Minze gebettet, war kein Körnchen Salz zu viel...
Ganz so puristisch kombiniert der ebenso phantasievolle wie geschmackssichere Flohr nicht immer: Kalbszunge, eingelegte Zitrone, lauwarmer Staudensellerie und Kopfsalatvinaigrette bilden ein ungewöhnliches Quartett; zur Gänselebervariation überraschen Trockenfrüchte und Kakteenmarmelade; süße und scharfe Aromen, unterstützt von nussigen Nuancen, prägen den prächtig gegrillten Carabinero mit
Püree, Salat und kümmelwürziger Terrine von der Karotte in Curry-Pistazienöl.
Subtiler Umgang mit dem oft missbrauchten Curry hebt auch das brillant ausgeführte Allerlei vom Milchferkel (Rücken, Kotelett, Nieren, Leber, karamellisierter Kopf) auf Gipfel des Genusses. Wir lassen ordentlich die Schwarte krachen, wollen darüber aber weder die gebratene Entenleber mit Kirschen, Kräutern und samtweicher Safranpolenta vergessen noch die Gelbflossenmakrele in einem sensationellen Sud, der die Schärfe von Chilischoten, die Bittersüße von Borlotti-Bohnen sowie die Säure von marinierten Tomaten so perfekt einbindet, dass der fette Fisch von allem etwas abkriegt und plötzlich schlank und schwerelos scheint. Solch große Momente lohnen den weitesten Weg!
Süßmäulern bieten Flohrs geeiste Kirschen mit Haselnuss-Baba und hinreißendem Holunderblüteneis ein geradezu kindliches Schleckvergnügen. Die fehlende Zuckerwatte gibt’s freilich bloß bei den Zauberlehrlingen, die gern mit ihrem Chemie-Baukasten spielen. Dergleichen ist glücklicherweise nicht Flohrs Ding. Mit hellwachem Produktbewusstsein und untrüglichem Sinn für aromatische Pointen trotzt er bislang allen Widrigkeiten. Wenn er spart, dann am Personal – nicht aber an den Viktualien. Daran ändert sich hoffentlich auch nichts, wenn die Handwerker kommen und Rechnungen präsentieren...
Frau Kirsten, die studierte Architektin, hütet als Flohrs Sommelière rund 300 Weine bester Provenienzen. Im Service war sie neulich ganz allein. Dem Charme der Betreuung tat dies keinen Abbruch, aber was für die Küche gilt, gilt genauso für den Saal: Wenn die Gäste strömen, stoßen die Gastgeber schnell an die Grenzen ihrer Kapazität. Wir wissen also gar nicht, was wir den Flohrs wünschen sollen. Am besten viele hungrige und noch mehr durstige Wallfahrer, aber bitte nicht alle auf einmal!

Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2011.