Dreifaches Jubiläum in Moos: Das Hotel Gottfried steht nun schon 40 Jahre – seiner Architektur sieht man es ein bisschen an. Seit 30 Jahren heißt der Wirt Klaus Neidhart, und der feierte heuer seinen Sechzigsten – aber seine Küche ist so jung wie nie.
Der bekannteste Fischkoch vom Bodensee lernte bei Alfred Walterspiel im Münchner Vier Jahreszeiten und kam weit in der Welt herum – dreimal war er in Bangkok, um im Hotel Oriental dem Deutschen Kurt Wachtveitl in die Töpfe zu gucken. Doch nur hier, am Tor zur Halbinsel Höri, fühlt sich der einstige Global Player daheim. Nicht allein der Untersee ist sein Revier, seine Netze wirft der Freund der Fischer bis nach Langenargen aus. Dort holt er sich, aus tiefem Wasser, den Blaufelchen, den Kenner für noch delikater halten als den Sandfelchen aus seichterem Grund. Wenn Neidhart seinen pfundigen Fang den Gästen im Naturzustand präsentiert, trägt er ihn auf mächtigen Platten wie im Triumphzug durchs Restaurant.
Doch mit nicht geringerem Stolz zeigt er die frischen Gemüse her, die ihm genauso wichtig sind wie Seeforelle und Hecht: die Mooser Artischocke, die gelbe und die rote Karotte von der Höri und vor allem die berühmte „Höri-Bülle“, eine milde rote Zwiebel (abgeleitet von der italienischen cipolla), die die Eingeborenen roh wie einen Apfel essen, ohne dass ihnen die Tränen kommen – denn erst beim Garen wird die Bülle schärfer, und ihre rote Farbe bewahrt sie bis zuletzt.
Sie passt wunderbar zur mit Majoran sautierten Kalbsleber – Innereien lassen wir hier nur ungern aus, und es kostet uns einige Überwindung, den lauwarmen Kalbskopf ausnahmsweise einmal nicht zu bestellen.
Jacobsmuscheln und Gambas mit gegrillter Wassermelone und Blumenkohlcouscous hingegen könnten wir hier entbehren, herzhaftes Zander/Pfifferlings-G’röstel wiederum nicht, ebensowenig das filigrane Felchenmatjesfilet mit seinem Kaviar auf Apfel/Gurken-Salat. Wir mögen auch eine alemannisch verfremdete Salade niçoise – weil die erwähnten autochthonen Artischocken dazu gehören und es keinen langweiligen Thunfisch, sondern confierten Saibling und Felchen gibt.
Auch Aal, Schleie und Wels aus dem See sind im würzigen Bouillabaissesud à la marseillaise durchaus in ihrem Element. Sollte uns gelegentlich die Fleischeslust packen, dürfen wir darüber staunen, dass der Rinderrücken vier Wochen am Knochen reifte und mit sieben Pfeffern gebraten wurde.
Als Dessert erwarten wir ein eher kräutriges als zuckriges Finale und werden nicht enttäuscht. Intensives Basilikumeis zu den Portweinkirschen und Mädesüßaroma an der Vanillecrème erfüllen ihren Zweck.
In bester Erinnerung haben wir den umsichtigen Service von Oberkellner Florian Repnik, und spätestens, wenn Patronne Gerlinde Neidhart zum Espresso ihren Zwetschgendatschi bringt, sind wir heilfroh, dass sie mit ihrem 1981er Porsche Targa keine Rennen mehr fährt. Schließlich hütet sie ja Gottfrieds Weinschätze und hat uns Gästen gegenüber eine Verantwortung: Ohne ihre kompetente Empfehlung wäre uns manch spannendes Gewächs der Gegend unbekannt geblieben.
In diesem Sinne ad multos annos!
Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2011.