Was sollen wir nur halten von diesem Haus der Extreme? Seit 2009 ist im ehedem gutbürgerlichen Ausflugslokal und -hotel am Seeufer Gerhard Retter am Ruder – ein Grazer, der als Kellner, Maître und Sommelier in vielen Restaurants glänzte, von Eckart Witzigmanns Aubergine bis zum Berliner Lorenz Adlon. Mit seiner Frau Claudia (vorher im Berliner Vau) übernahm er hoch im Norden den Betrieb ihrer Eltern.
Dass sich schon viel getan hat, merkt man zuerst an der Weinkarte. Schon die kleine verrät souveräne Kennerschaft vor allem bei deutschen und österreichischen Gewächsen. Die große, die nur auf Verlangen gereicht wird, lohnt mit ihren über 500 außergewöhnlichen Posten für Liebhaber die Anreise aus Hamburg oder Berlin. Bei der Speisekarte fiel uns auf, dass die kürzlich noch vorherrschenden Fischgerichte à la Forelle blau in die Abteilung „Klassiker“ weggelobt worden sind. Was an ihre Stelle treten soll, ist wohl noch nicht deutlich. Einstweilen steht die Büsumer Krabbensuppe neben dem Curryschaum.
Leider zieht die Küche offenbar nicht mit. Die steinharten Scheiben der Ochenschwanzterrine mit Birnenconfit wären vielleicht hübsch über den See gehüpft, einem medium rare bestellten Rumpsteak sah man schon an, dass es nicht mal als well done durchginge, süß und dicklich die Spargelcrèmesuppe.
An der Qualitätskontrolle haperte es, wie uns schien, schon beim Einkauf. Neben einigen guten Produkten stießen wir auf wässriges Fleisch, geschmacksneutralen Schnittlauch und Zwiebelringe, bei denen wir uns fragten, wo sie geröstet und gewürzt worden sind. Auch auf die Standards scheint wenig Verlass zu sein.
Dass wir das Haus trotz allem empfehlen, liegt vielleicht an der begütigenden Wirkung der Sommerabende am Lütjensee, vor allem aber am Krisenmanagement von Gerhard Retter und seiner beflissenen Mannschaft, die stets höchst gastfreundlich agieren. Die Wartezeiten überbrückte der stets charmante Patron mit Probiergläschen und Plauderei. Setzen wir in Sachen Küche auf das Prinzip Hoffnung.
Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2011.