Blick bis zum Mittelmeer“ verkündet der sichtlich erleichterte Carmelo Caputo, nachdem die fast zwei Jahre währende Großbaustelle vor seinem Eckrestaurant endlich verschwunden ist. Innen macht alles, wie gehabt, bella figura. Die vom Münsteraner Stardesigner Dieter Sieger modernst gestaltete Villa ist gottlob nicht so grell und bunt geraten, wie so viele andere seiner Objekte. An wenigen, sehr engen Tischen läuft hier jeden Abend die große Oper der italienischen Küche in erstaunlicher Perfektion und Geschmackstiefe ab.
Als Antipasti glänzen saftige Scheiben eines kurz auf der Haut gebratenen Wolfsbarschfilets auf lauwarmem Gemüsesalat mit süchtig machendem Pesto. Unter hauchdünnen rohen Jacobsmuschelscheiben tummeln sich feinste mit Limone marinierte Avocadowürfel, begleitet von nur ansautiertem Kaisergranat, der Münster ans Mittelmeer versetzt. Zurück ins Westfalenland bringt das kräftige Erbsenpüree mit kleinen Involtini aus Parmaschinken, Kalbskopf und Gambas, quasi die Optimierung der deutschen Roulade mit italienischer Füllung.
Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir unsere letzten Lire darauf verwetten, dass der Chef am Herd ein Urgewächs Italiens sein muss. Doch die Küche führen Deutsche, die die Italianità verinnerlicht haben. Wie können sie sonst mit so punktgenauen schlotzigen Risotti, seien sie mit Pfifferlingen oder mit Safran und Langostinos, glänzen? Überraschend belanglos fanden wir die „alla casa“ fabrizierten schwarzen Spaghetti mit Hummer, einem kleinen trockenen Schwanzstück, und viel zu opulenter Krustentiersauce. Untadelig hingegen die Rotbarbe auf Kartoffel/Artischocken-Salat oder der Rochenflügel mit brauner Butter und leichtem Zitronen-Kartoffelpüree. Zum Finale gibt es ein geeistes intensives Himbeersüppchen mit pochiertem Weinbergpfirsich und Tahiti-Vanilleeis. Wer keine Dolci mag, findet naturalmente eine vorzügliche Käseauswahl.
Die von Maestro Caputo persönlich geführte Weinkarte repräsentiert Italien in allen Facetten, ist aber souverän genug, einige schöne deutsche Weißweine zu listen. Der Padrone dirigiert auch allabendlich trotz Eröffnung eines großen Zweitlokals in der Innenstadt den tadellosen Service – und spendiert als finale Freude gereiften Composita, einen Edelgrappa der Destillerie Berta. Grazie tante!
Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2011.