Dies ist eins der erstaunlichsten Hamburger Restaurants. Angesiedelt an einer Landstraße im äußersten Westen, wo der Elbvorortwohlstand sich schon allmählich im Provinziellen verliert. Zurückhaltend eingerichtet bis auf die wechselnden Gemälde an der Wand. Gesegnet mit einem netten jungen Besitzerpaar, das wohltuende Gelassenheit verbreitet. Die Karte allerdings liest sich so, wie man es sonst nur von den besten Häusern kennt. Kein Wunder, Inga Büttner und Heiko Hagemann kennen sich aus gemeinsamen Tagen bei Josef Viehhauser; damals stand die Patronne noch am Herd. Auch der Restaurantname bezieht sich auf die prägende Zeit bei dem österreichischen Meisterkoch, der seit dem Konkurs seines Le Canard recht tragisch durch die Hamburger Küchen irrt.
Gottlob äfft Hagemann Viehhauser keineswegs nach. Seine Gerichte sind viel verspielter. Wiedererkennbar finden wir nur das Bemühen um eindeutige, starke Aromen und den Einsatz teurer Produkte. Leider war bei unserem letzten Besuch ein wenig der Wurm drin. Im Kartoffelsüppchen mit Kalaharitrüffeln knirschte die Kalahari. Die gut gegarte Jacobsmuschel in der faden Sauerampfersuppe hatte etwas zu viel Salz abbekommen. Beim Heilbutt war es umgekehrt. Der wurde von einer mildfruchtigen Sauce und einer witzigen Mischung aus Pak-Choi und Melonenbällchen bestens begleitet, hatte aber die optimale Garzeit ein wenig überschritten. Bei der köstlichen Kalbspraline missriet die essigsaure Paprika/Weißkohl-Mischung in Balkan-Manier. Von der einfallsreichen Dessertvariation blieb die Schokoganache an den Zähnen kleben.
So etwas kann passieren – und darf es auch bei den sehr gastfreundlichen Preisen. Aber es ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass Büttner und Hagemann es etwas zu eilig haben auf dem Weg nach ganz oben. Gerade im Hamburger Westen hält man mehr auf Beständigkeit als auf Ehrgeiz und Inspiration.
Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2011.