Hier sind wir in einem der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt – und bei einem die Italianità sehr selbstbewusst verkörpernden Signore del Vino. Die umfangreiche (und nicht mehr überteuerte) Weinkarte des diplomierten Sommeliers Biagio Tropeano listet fein säuberlich nach Regionen unterteilt die flüssigen Schätze vom Stiefel auf, und die handgeschriebene Speisekarte lässt keinen Zweifel an der tiefen Verwurzelung des Freizeitmalers Tropeano in den Regionalküchen seines Heimatlandes zu. Dies Suchen nach traditionellen Rezepten zeichnet den Padrone seit Anbeginn seiner langen hannoverschen Zeit wie ein Markenzeichen aus.
Auf den 5 Seiten der Karte findet sich unter den 6 Antipasti so Reizvolles wie die mit geräuchertem Ricotta gefüllte lauwarm servierte Kalbsbrust auf kräftigem Pesto oder so Überkandideltes wie das „Carpaccio von Stubenkükengalantine mit piemontesischen Haselnüssen und Thymianvinaigrette“ (eines der 6 Carpacci).
Danach ist mit schwankenden Leistungen zu rechnen. Das Risotto von Meeresfrüchten mit gerösteten Kalbskutteln liest sich netter als es schmeckt, wenn es nicht warm genug, zu fischig und mit faden Kuttelstreifen serviert wird, die Pappardelle mit kräftigem Ragout vom geschmorten Zicklein repräsentieren beste Bauernküche. Bei den mit Wildentenmousse gefüllten, von Trauben und Grappasauce elegant begleiteten Ravioli überlagert der Mehlgeschmack die Füllung gnadenlos (fast immer zu dicker Teig!), bei den Trofiette mit Tomaten gelingt ein kleiner Geniestreich: Junger Pecorino in dünnen Spänen und leicht geröstete Pinienkerne adeln gleichsam die fruchtig-säuerlichen Töne von halbrohen Tomaten und die herbe Bitterkeit von Rucola. Beim Steinbutt mit leichtem Krustentierschaum auf schwarzem Venere-Reis fanden wir den mit Feigenmost bereiteten Reis etwas zu süß und den Fisch zu babyhaft, bei dem in Chianti tiefdunkel geschmorten Ragout von der Lammschulter mit Taleggio-gratinierten Kartoffeln gelang ein Beweis, wie gut vermeintlich Einfaches sein kann. Als Dessert langweilen nicht die üblichen „Klassiker“ der Italiener, sondern entzücken hinreißend kreierte Dolci wie die in einer Porzellanschale leicht überbackene Tarte von Amarenokirschen mit Ziegenkäse-Eis.
Der jugendliche Service agiert flott, aufmerksam und wortgewandt, die Musik ist viel zu laut aufgedreht. O je, fast hätten wir den monumentalen Riesenblumenstrauß übersehen, eine Blütenkugel von gut einem Meter Durchmesser – ebenfalls ein Tropeano-Markenzeichen.
Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2011.