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L’ Accento

Der kleine Italiener am Agrippabad wird immer größer. Franco Medaina, der Mann aus Mantua, der Kochen bei seiner Nonna gelernt hat, reifte mit den Jahren zur Persönlichkeit: Der einst so Schüchterne verkehrt heute mit seinen – zuweilen prominenten – Gästen auf Augenhöhe. Das Haus, das sein Lokal beherbergt, gehört ihm längst.
Die weiß gedeckten Tische stehen eng, der Umgangston ist familiär wie eh und je, und Signora Marisa, Francos sizilianische Gattin, sorgt mit weiblichem Stilgefühl für einen Hauch von Eleganz: Gute Kunst an der Wand und eine frische Rose in der Vase – viel mehr braucht sie nicht dazu. Im Sommer drängen Kölns Italophile auf die stimmungsvolle Innenhof-Terrasse und denken unwillkürlich an Colonias römische Vergangenheit.
Ein Amuse-bouche gibt es nicht, und die Brötchen kommen so knallheiß, dass man sich fast die Finger verbrennt. Die gefüllten Baby-Calamares – oft kopiert, nie erreicht – dürfen auf der übersichtlichen Speisentafel nie fehlen, es locken aber auch gegrillter Polypo alla giardiniera, Orechiette mit Broccoli und Salsiccia, Kabeljau in Pommery-Senfsauce oder Spanferkelmedaillons mit grünem Pfeffer – alles aus frischen, möglichst naturbelassenen Produkten angenehm leicht gekocht (stets ohne Sahne) und nicht selten von geradezu beglückendem Wohlgeschmack.
Zweifellos geht auch Franco mit der Zeit: Den etwas zu lange gebratenen, immerhin noch saftigen Thunfisch begleiten Algensalat, Auberginentörtchen sowie diverse Gemüschen in modischen Mikropartikeln. Transalpine Chuzpe triumphiert bei den hausgemachten Tortellini in Salbeibutter, denen krosse Speckstreifen Biss und Würze verleihen. Kompromisslos köstlich immer wieder das geschmorte Milchzicklein, das traumhaft zart vom Knochen fällt und sich präzise gegarter Gemüsegarnituren erfreut – da könnten Francos kochende Landsleute (die ihr Grünzeug gern massakrieren) noch eine Men­-
ge lernen. Die Dolci von Panna cotta bis Pistazienparfait sind vergnüglich, aber nicht unverzichtbar.
Oberkellner Enzo gilt manchen als Rauhbein, verbirgt jedoch unter seiner harten Schale einen weichen Kern. Wir haben ihn sogar schon selig lächeln gesehen, während er eine exquisite Flasche Vino entkorkte. Auch Schoppentrinkern hat er mehr zu bieten als den ewigen Pinot grigio. Vor allem aber käme er nie auf die Idee, so zu tun als wäre er mit uns aufgewachsen. Wahrlich nicht der geringste Grund, das L’ Accento zu ­lieben...

Restaurantbewertung aus GAULT MILLAU Deutschland 2011.