Die Rebsorten in Deutschland
Fast 140 verschiedene Rebsorten finden sich in Deutschlands Weinbergen. Doch es sind nur zwei Dutzend, die den Großteil der 102.000 Hektar Rebland bedecken. Darunter finden sich traditionelle Rebsorten wie Neuzüchtungen. Trotz des Rotweinbooms ist Deutschland mit 64 Prozent Anteil immer noch ein Weißweinland.
Der Riesling ist zweifelsohne Deutschlands wichtigster Beitrag zur Welt der feinen Weine. In keinem anderen Land wird er intensiver angebaut und erzielt so ausge- zeichnete Qualitäten. Klassischerweise duftet er nach Apfel oder Pfirsich, spiegelt aber auch wie kaum eine andere Rebsorte sein Terroir wider, so dass er sehr unterschiedlich in seiner Mineralität ausfallen kann. Die Anbaufläche erstreckt sich auf 22.400 Hektar und hat damit gegenüber dem Vorjahr um rund 700 Hektar zugenommen. Damit steht die edle Sorte auf rund 20 Prozent der deutschen Weinbergsflächen – ist aber für sicher- lich 80 Prozent der großen deutschen Weine verantwortlich.
Auf Platz zwei folgt der Müller-Thurgau, der aber stark auf dem Rückzug ist: Seine Fläche sank seit 1999 dramatisch um mehr als 6.500 und liegt jetzt nur noch bei 13.700 Hektar. Er kann nicht nur wunderbare Zechweine, sondern auch interessante Kreszenzen mit nussigem Aroma und klarer Frucht hervorbringen. Leider wird er jedoch oft in we- niger guten Lagen angebaut und auf hohen Ertrag getrimmt. Um dem Negativ-Image auszuweichen, verwenden viele Winzer die Bezeichnung Rivaner. Bester trockener Müller-Thurgau in unserem diesjährigen Führer ist eine Spätlese von der Winzergenossenschaft Divino (Franken) mit 87 Punkten. Dass die oft verschmähte Rebsorte auch im edelsüßen
Bereich glänzen kann, zeigen das Weingut Markgraf von Baden – Schloss Salem mit einer Trockenbeerenauslese (90 Punkte) und der Winzerhof Gussek (Saale-Unstrut) mit einer Beerenauslese (89 Punkte). Die Mehrzahl der Erzeuger scheint sich jedoch zu schämen, Müller-Thurgau noch im Programm zu haben. Obwohl er fast 15 Prozent der deutschen Rebfläche ausmacht, stammten nicht einmal 2 Prozent der 12.000 für den WeinGuide angestellten Proben von dieser Sorte. Eine lobenswerte Ausnahme ist die fränkische Initiative »Frank & Frei«. Deren 17 Winzer setzten sich seit über einem Jahr- zehnt für eine Renaissance der Rebe ein.
Im 19. Jahrhundert war der Silvaner die Haupt-Rebsorte in Deutschland. Sein Rückzug scheint ein wenig gebremst, er wird heute noch auf 5.240 Hektar angebaut. 2008 war ein herausragender Silvaner-Jahrgang, in dem die fränkischen Winzer zeigten, dass sie mit ihrer Paraderebsorte der Konkurrenz aus Rheinhessen weiter ein gutes Stück voraus sind (Spitzenreiterliste der besten trockenen Silvaner in Franken und Rheinhessen auf Seite 228 und Seite 714).
Edelsüß ein Hochgenuss
Von den zahlreichen Neuzüchtungen, die in den 70er-Jahren die Weinberge eroberten,
sind heute noch Kerner (3.700 Hektar) und – überwiegend in Franken – Bacchus (2.000 Hektar) von Bedeutung. Bei optimalem Standort und guter Pflege kann auch die Scheu- rebe (1.700 Hektar) Grundlage für hervorragende Weine sein. Dass frucht- und edelsüße Tropfen aus dieser Rebe ein Hochgenuss sind, weiß der deutsche Weingenießer dank Betrieben wie Pfeffingen, Weegmüller (beide Pfalz) und Wirsching (Franken) seit Lan- gem, ein Trend führt nun zu immer mehr faszinierenden trockenen Exemplaren. Die Spitze bildet das Weingut Johann Ruck (Franken) mit seiner »Estheria« (90 Punkte). Bei Edelsüßen war eine Scheurebe Auslese von Graf Wolff Metternich (Baden) mit 91 Punk- ten unser diesjähriger Favorit.
Auch die Rieslaner genannte Neuzüchtung aus Riesling und Silvaner (100 Hektar) be- nötigt hohe Mostgewichte, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen – dann kann sie sogar faszinierender als der Riesling ausfallen. Der 2008er-Jahrgang erbrachte vor allem in der Pfalz und in Franken atemberaubende Rieslaner-Qualitäten.
Zu den klassischen Sorten gehören der Gewürztraminer (830 Hektar) und der Muska- teller (155 Hektar), die früher wesentlich stärker verbreitet waren. Da sie jedoch unbe- ständig im Ertrag und sehr aromatisch im Stil sind, war ihre Popularität eine Zeit lang stark zurückgegangen. Mittlerweile erleben sie eine zarte Renaissance. Fanden sich früher vor allem überzeugende, fruchtsüße Gewürztraminer, so stellen in diesem WeinGuide mit den Gütern Pix, Höfflin und Bös (alle Baden) sowie Heiner Sauer (Pfalz)
gleich vier Güter trockene Gewürztraminer, die mit 88 oder 89 Punkten bewertet sind. Vom Muskateller stammt in diesem WeinGuide das vielleicht größte Schnäppchen: Satte 91 Punkte erhielt das Weingut Möwes (Pfalz) für seine trockene Muskateller Spätlese.
Der Graue Burgunder, in Baden lange besser als Ruländer bekannt, hat inzwischen
eine treue Anhängerschaft und besetzt insgesamt 4.500 Hektar. Der Weiße Burgunder zählt zu den Aufsteigern der letzten zehn Jahre: Er verdoppelte seine Rebfläche auf 3.700 Hektar. Die Südpfalz und der Kaiserstuhl bringen meist die besten Exemplare her- vor. Zum Trio der in Deutschland populären Vertreter der Pinot-Familie gehört zudem
der Chardonnay, der es mit weiter steigender Tendenz auf 1.200 Hektar bringt. Der Auxerrois ist das unbekannteste Mitglied der renommierten Reben-Familie. Führend in seiner Erzeugung sind die Badener Güter Seeger (88 Punkte), Aufricht (87 Punkte) und Klumpp (87 Punkte) sowie der Hedesheimer Hof aus Rheinhessen (87 Punkte).
Shooting Star im Weinberg
Der Shooting Star in Deutschlands Weinbergen ist der Sauvignon Blanc. Fielen die Weine der vor allem aus dem Loire-Tal und Bordeaux bekannten Rebe hierzulande früher häufig grün und übermäßig grasig aus, so bekommen deutsche Winzer sie nun immer besser
in den Griff.
Beliebte Rotweine
Deutsche Rotweine haben enorm an Beliebtheit gewonnen. Mit 11.800 Hektar ist der Spätburgunder nach wie vor die führende Rotweinrebe Deutschlands. Die feinsten Exemplare kommen in der Regel von der Ahr, dem Rheingau, der Pfalz sowie aus Baden und können durchaus einem Vergleich mit den »Premier Crus« aus Burgund standhalten.
Längst steht der dunkelfarbige Massenträger Dornfelder auf Rang zwei mit 8.100 Hektar (verdoppelt seit 2000), doch sein Zuwachs stagniert. Nur wenige Weingüter versuchen aus der Rebsorte qualitativ alles herauszukitzeln. Am besten gelingt dies dem Deutzerhof
(Ahr) und dem Weingut Karl Haidle (Württemberg), deren Spitzen-Dornfelder mit 87 Punkten bewertet wurden, sowie Max Markert (Franken), der 86 Punkte einstreichen konnte.
Der Portugieser hält mit 4.350 Hektar Platz drei der deutschen Rotweinreben. Die alte Sorte findet sich nirgendwo mehr als in Deutschland. Führend sind auch hier der Deutzerhof (Ahr) sowie das Weingut Lidy (Pfalz), die beide einen mit 88 Punkten ausgezeichneten Portugieser präsentieren können.
Trollinger (2.500 Hektar) und Schwarzriesling (2.400 Hektar) haben meist nur regionale Bedeutung. Die Weingüter Jean Buscher (Rheinhessen, 89 Punkte), und Schlör (Baden, 88 Punkte) zeigen jedoch, was letztere Sorte qualitativ zu bieten hat. Durchaus mehr Aufmerksamkeit verdienten die württembergische Spezialität Lemberger (1.700 Hektar,
Spitzenreiterliste auf Seite 822) und St. Laurent (675 Hektar, siehe Liste), welcher in größerem Maße nur in der Pfalz und Rheinhessen angepflanzt wird.
Die Bordeaux-Sorten Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc finden sich eben- so wie die Weinsberger Neuzüchtungen Cabernet Dorsa, Cabernet Dorio und Acolon zumeist in Cuvées wieder. Einer weiterer Gewinner des deutschen Rotweinbooms ist die leider nur vermeintlich pilzresistente Neuzüchtung Regent: von 320 Hektar in 1999 auf nunmehr 2.160! Der Pfälzer Benderhof stellte den besten Regent vor. Dem im Barrique gereiften Wein verliehen wir 89 Punkte.
Erstaunliche Qualitäten erbringt mittlerweile der Syrah in Deutschland, wobei einige Winzer sich an der nördlichen Rhone (Ziereisen) und andere sich an Australien orien- tieren (Fritz Waßmer).
Zu all diesen Sorten gesellen sich regionale Spezialitäten wie Gutedel (Markgräflerland),
Elbling (Obermosel und Sachsen), Tauberschwarz (Tauberfranken), Goldriesling (Sach- sen) oder Samtrot (Heilbronn).





