10 Fragen an…Karen Kamensek

„Wenn es guten Wein gibt, kommt das Essen automatisch nach!“

Sie gilt als eine der führenden Vertreterinnen ihres Fachs und ist nebenbei ausgemachte Genießerin: Karen Kamensek. Ihre zahlreichen Engagements an den wichtigsten Konzert- und Opernhäusern der Welt entführen die unlängst mit einem Grammy ausgezeichnete Dirigentin immer wieder auch kulinarisch in neue Sphären. Privat hat es sich die Amerikanerin vor einigen Jahren in Südfrankreich gemütlich gemacht. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, auf welche Gerichte sie sich auf ihren Reisen am meisten freut, was Oper und Kulinarik verbindet und warum Chili con carne das einzige Gericht ist, das sie kochen darf.

Frau Kamensek, Ihre Eltern sind vor Ihrer Geburt von Slowenien in die USA ausgewandert. Wie viel Einfluss hatte der kulturelle Mix auf Ihr Verständnis von Ernährung?

Ganz viel eigentlich. Ich habe meine ersten fünf Lebensjahre in Chicago verbracht, und da waren meine Eltern von anderen slowenischen und serbischen Einwanderern umgeben. Ich erinnere mich an viele slawische Gerichte wie gefüllte Paprika, Moussaka, Čevapčiči, Mohnnudeln, verschiedene Arten von Strudeln usw. Meine Eltern waren sehr jung, als sie nach Chicago gekommen sind, und haben bald selbst angefangen, Amerika zu entdecken. Von dort an gab es zunehmend Hamburger, Hot-Dogs, Tacos, KFC, McDonald’s etc. Durch dieses Zusammentreffen der Nationen war mir schon ganz früh klar, dass es viele verschiedene Kulturen auf der Welt gibt und jede etwas Interessantes und Leckeres zu bieten hat. In meiner kindlichen Unschuld dachte ich: Hier kann man einfach alles kriegen, was man will; it’s America!

Als international gefragte Dirigentin reisen Sie um die ganze Welt. Bei welcher Stadt oder Region freuen Sie sich schon vorher auf das Essen?

Ich bin gerade unterwegs nach Vancouver und freue mich jetzt schon auf das Sushi! Tatsächlich haben es mir aber sonst eher die regionalen Spezialitäten meiner Reiseziele angetan. Ich finde immer etwas Leckeres. Über die Jahre habe ich mir da eine recht ansehnliche Liste erarbeitet:
Chicago = Steak und Pizza; New York = Diner-Food und eigentlich jede Art von Essen zu jeder Tageszeit; Arizona und Kalifornien = mexikanische oder Tex-Mex-Küche; London = Curry, Pub-Spezialitäten, traditionelles englisches Frühstück; Wales = Welsh Cakes; Irland = Whisky; Norwegen = Fisch- und Garnelengerichte; Schweden = Chokladbollar und Surströmming; Österreich = Wiener Schnitzel, Leberknödelsuppe, Kaiserschmarrn; Deutschland = Weiß-, Brat- und Currywurst, Kartoffelsalat, Schwarzbrot; Italien = Pasta, Pesto, Pizza, Zabaglione; Spanien = Pata negra, Oliven, Sangria, Manchego; Frankreich = Na ja, c’est la France! Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Dirigenten und Köchen?

Glücklicherweise ja, sonst würde meine Ehe wahrscheinlich nicht funktionieren! Beide Berufe brauchen kreative Führungswesen. Musik und Unterhaltung hängen schon seit Anbeginn der Menschheit eng mit Essen und Trinken zusammen. Als mein Mann und ich zusammengekommen sind, haben manche Freunde gesagt: „Oh ja, das passt so gut zusammen, Koch und Musikerin!“, bevor sie überhaupt nachgedacht haben, ob wir gut zueinander passen würden. Tun wir aber, auch elf Jahre später noch immer.

Ihr Mann hat jahrelang ein erfolgreiches französisches Restaurant in Hamburg geführt. Schwingt er jetzt zu Hause den Kochlöffel oder müssen Sie auch mal ran?

Seitdem wir zusammen sind, „durfte“ ich nur ein- bis zweimal kochen – und zwar immer nur mein fabelhaftes Chili con carne (lacht). Warum sollte ich denn kochen? Er ist ja ein Profi, effizient und kreativ, ein Wein- und Käse-Sommelier, Gärtner, und mit einer großen, lebenslangen Leidenschaft für das Kochen ausgestattet. Für mich ist es eher eine lästige Überforderung. Wenn ich zu Hause kochen würde, würde es wahrscheinlich nur mein ganzes Umfeld beleidigen. Pierre ist in unserem Dorf schon sehr schnell populär und beliebt geworden. Wir entertainen zwar beide gerne, aber ich verlange ja auch nicht von ihm, dass er Wagner und Verdi dirigieren soll.

Vor einigen Jahren sind Sie von Hamburg in ein kleines und recht abgelegenes Dorf in Südfrankreich gezogen. Hatte die Wahl des Standortes eine kulinarische Motivation?

In Frankreich kann man mehr oder weniger überall gut essen, wenn man ein bisschen was davon versteht, und gutes Essen ein Lebensziel ist. Die wunderschöne Landschaft des Minervois war daher das Erste, worin wir uns verliebt haben. Unsere Region erinnert mich sehr an den Norden Kaliforniens und die Hochwüste von Oregon – zwei meiner Lieblingsregionen in den USA. Hier fühle ich mich so wohl, angekommen und geerdet. Als Nächstes haben wir natürlich die Weinsituation geprüft. Wenn es guten Wein gibt, kommt das Essen automatisch nach!  Das Minervois selbst ist ein ziemlicher Geheimtipp, es gibt hier noch sehr viele Schätze zu entdecken. Zudem wohnen wir in der Grand Cru Region La Livinière. Hier dreht sich alles um Wein. Very sexy!

Wonach schmeckt Ihr neues Zuhause?

Oliven, Tomaten, Auberginen, Fisch, Meeresfrüchte, Poulet, Lamm, Wildschwein, Käse, saisonales Gemüse und Obst, Tarte Tatin, Foie gras, Wein, Wein, Wein und Wein.

Sie haben zuvor beinahe 20 Jahre lang in Deutschland gelebt. Gibt es ein Produkt oder Gericht, das Sie vermissen?

Oh ja! Sobald ich in Deutschland bin, greife ich ganz schnell zu Laugenstangen, einem Mettbrötchen, Fleischsalat oder Döner!

Die Klassik-Szene gilt ja gemeinhin nicht gerade als genussfeindlich. Sollten Sie in Ihrem Job dennoch auf eine besondere Ernährungsweise achten?

Eigentlich ja, und es geht mir tatsächlich, was das Physische des Dirigierens betrifft, viel besser, wenn ich mich gezielter gesund ernähre. Musiker sind auch Athleten. Für mich persönlich heißt das: viel Eiweiß und Gemüse, wenige „leere“ Kalorien – obwohl die ganz schön lecker sind! Wasser statt Wein (seufzt). Das ist im Hotelleben und „life on the road“ allerdings immer eine ziemliche Herausforderung, selbst in den größeren Städten. Das liegt oft daran, dass man spät ankommt, alle Restaurants geschlossen sind oder sie in der Pause zwischen den Proben selbst Ruhezeiten haben. Manchmal probt man auch den ganzen Tag und hat einfach keine Zeit, sich darum zu kümmern. Deswegen habe ich immer Notfallpläne und selbst einiges im Gepäck. Ich bin die Königin der Minibars! Das ganze Ding wird im Tetris-Stil mit gesunden Snacks vollgepackt. So muss ich auch nicht dreimal am Tag im Restaurant essen, selbst wenn es geöffnet hat. Auch wenn ich das an sich gerne mache. So viel zur edlen Theorie. Auf der anderen Seite habe ich eine abartige Sucht nach Cheesy-Popcorn. Das kriege ich aber leider nur in Großbritannien oder Nordamerika.

Welche Oper ist die kulinarischste?

Da gibt es ziemlich viele! Zuerst denke ich gerade an die drei Da-Ponte-Opern Don Giovanni, Die Hochzeit des Figaro und Così fan tutte von Mozart sowie Salome und Der Rosenkavalier von Richard Strauss. Da sind Essen und Trinken schon in die Geschichten integriert.

Lieber Beuschel mit Mozart oder Trippa mit Verdi?

Weder noch. Für mich lieber ein Steak mit „Kitchen Sink Salad“ (‚Man nehme alles, was man finden kann, und werfe es zusammen‘), einen Green Smoothie und einen starken Kaffee. Und dann ab in den Graben – mit wem auch immer!

INTERVIEW Nick Pulina / FOTOS Todd Rosenberg (o.)/ Benno Hunziker (u.)

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