Gewürztraminer

Dick nach tramin geht mein gedanckh!“ – so schloss der durstige Minnesänger Oswald von Wolkenstein beim Konzil von Konstanz seine Tirade gegen den bitteren Wein („Schlehentrank!“) ab, den man ihm am Bodensee kredenzt hatte.

Bereits im späten Mittelalter war der Wein aus Tramin grenzüberschreitend berühmt – der heute beinahe ausgestorbene Weiße Lagrein (Restbestände werden im Trentino, Cembratal, vermutet) war damals der Traminer Hauptwein. Als zur Bezeichnung „Traminer“ in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts noch das „Gewürz“ hinzugekommen war, handelte es sich eigentlich – langsam, langsam – immer mehr um die vom Norden aus deutschen Landen gekommene Sorte „Klevner“. Jedoch setzte sich, zum Glück für Tramin und die Südtiroler Weinwirtschaft, international der Name „Traminer“ bzw. „Gewürztraminer“ durch.

Wo wächst denn der beste, der wirklich allerallerbeste Wein? In Nierstein, Kaltern, Napa Valley, Bolgheri, Eppan, Alba, Tramin, Sauternes, Rust, Pomerol, in allen berühmten Weindörfern und Weingebieten bekommt man stets die gleiche Antwort: Bei uns! Bei uns wächst der beste Wein! Jedes Weindorf hat seinen eigenen Stolz, seine eigene Kirchturmpolitik, manchmal auch seinen eigenen Dickschädel, seine eigene Kurzsichtigkeit.

Welcher ist der beste Wein der Welt? Der barock-fleischige Gewürztraminer oder der ausgesprochen fruchtige Barbera? Der herb-fruchtige Lagrein oder der körperreiche, gerbstoffbetonte Barolo? Man soll von den alten Kellermeistern lernen, die nie den einen, sondern immer viele beste Weine gesucht und getrunken haben. Dann ist der Wein ein Geschichtenerzähler – von Boden, Wind, Wetter. Von überall.

Ist der „Nussbaumer“ der Kellerei Tramin der beste Gewürztraminer? Die lehmhaltigen Kalkböden von Tramin-Söll sind d-e-r Südtiroler Gewürztraminer-„Cru“ – und die Herz-Lage „Nussbaumer“ deren „Grand Cru“. Eigentlich braucht es für einen Gewürztraminer „Nussbaumer“ einen Waffenschein: Ist auf unserer Urlaubsinsel beim Öffnen ein Papagei in der Nähe, kann er wegen des intensiven Duftes (Litschi, Papaya, Mango, Nelken und Rosen) tot von der Stange fallen. Auch für Menschen ist Vorsicht geboten: Man merkt diesem Extrakt-Kraftpaket seinen potenten Alkoholgehalt erst dann an, wenn es zu spät ist – zwei Glas „Nussbaumer“ sind wunderbar, das dritte ist noch gut, alles, was darüber hinausgeht, stürzt einen ins Verderben. Durch die Erfolge des Traminer Kellermeisters Willi Stürz gilt die auf 500–600 Höhenmetern gelegene Traminer-Fraktion Söll als Gewürztraminer-Himmel und alle Kellereien reißen sich um ein bisschen „G“-Trauben aus Söll, um ihren kleineren Gewürztraminern Glanz, Glorie und vor allem Geschmack zu geben. So schnellten natürlich auch die Preise in die Höhe.

Der waschechte Traminer Willi Stürz hat auf der Weinbauschule in Veitshöchheim nicht nur das penetrant-piefkinesisch-saubere Kellermeister-Handwerk gelernt, sondern auch eine gewisse Besessenheit, den Mut zum Risiko mit nach Hause gebracht – denn nur wer wirklich riskiert, kann einen extraordinären, sogar einen Gewürztraminer von Weltformat einkellern. So entstanden nach dem „Nussbaumer“ zuerst der edelsüße „Terminus“ und später noch der halbtrockene „Epokale“ (der Jahrgang 2009 wurde von Robert Parker als erster Südtiroler Wein überhaupt mit der Höchstpunktezahl 100 ausgezeichnet): eine einzigartige Gewürztraminer-Trilogie eines waghalsigen Kellermeisters, weil Stürz die ausgewählten Söller Partien bei allen Wettern draußen hängen lässt! Meint es das Wetter in einem Jahr schlecht, dann gibt es keinen „Terminus“, keinen „Epokale“ und nur sehr wenig „Nussbaumer“. Passt das Wetter, dann entstehen Elixiere, die ein ganzes Menschenleben lang halten. Auch in Kurtatscher Hanglagen findet der anspruchsvolle Gewürztraminer ein ideales Habitat vor: ein Lehm- und Kalkschottergemisch, gute Drainage in den Böden, dazu die „Ora“, der konstant am späten Nachmittag vom Gardasee kommende Südwind, der in Schlechtwetter-Perioden die Beeren trocknet. Aus dem Kalk ziehen die Reben Würze und Salz, aus dem Lehm entsteht rundes, saftiges, manchmal exotisch-aromatisches Fruchtfleisch.

Im 19. Jahrhundert gab es in Wien die berühmten, noblen Hausbesitzer und Seidenfabrikanten, die das Leben so ruhig als möglich angingen und die lieber ihren Besitz für sich arbeiten ließen. Der Kurtatscher Andreas von Widmann ist u. a. Besitzer eines ehemaligen Seidenraupen-Hofes, von ausgedehnten Apfelanlagen sowie von 17 Hektar Weinbergen in besten La- gen. Unter seinen Reben buckelt er, zwickt ein, dünnt aus, schaufelt um wie ein gehetzter Baron, der die Tradition und die Legende vom in sich ruhenden Baron auf den Kopf stellt. Der Gewürztraminer vom Baron Widmann wächst auf einem Kalkschotterboden – der Kalk spendet dem G’würzer die idealen Aromen: Quitten, Zitrus- und exotische Früchte. In der Nase ist er vergleichsweise eher verhalten, im Gaumen jedoch bietet er das Höchste: ein aus- geglichenes Wechselspiel zwischen Säure, Alkoholgehalt und Extrakt. Je unruhiger der Baron im Reißverschluss-Arbeitsanzug (im Volksmund „Toni“ genannt) und in genagelten „Knospenschuhen“ – desto ruhiger, eleganter, umwerfender sein G’würzer.

TEXT Karl Joseph / FOTO IDM Südtirol­Alto Adige / Benjamin Pfitscher

Die besten Gewürztraminer

Tramin ist Namensgeber und mit seinen Produzenten der gute Geist zugleich für diese Urrebe, die auf dem Weg vom Orient hier am alten Handelsweg hängen blieb. Keine Rebsorte bietet so mannigfaltige Interpretations- varianten, vom trockenen Aperitif bis hin zur edelsüßen Rarität.

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