In einem Reich der Sinne

Dem Genuss auf der Spur in der unsagbar malerischen Südsteiermark und dem Vulkanland, vormals Südoststeiermark. Zu Gast sein bei Topwinzern, zu Tisch bei Spitzenköchen. Wer in und um Gamlitz, Ratsch, Ehrenhausen oder Straden unterwegs ist, taucht ein in ein Reich der Sinne und beglückt wieder auf. Wer einmal hier war, will und wird wiederkommen. Garantiert. Dazu nun ein kleiner Wegweiser ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn für eine solche bräuchte es Bände…

Katharina die Große

Allein schon dieses Türkis, dieses edle Türkis der Aluminiumkapsel, die den Flaschenhals umhüllt und unter der sich der Glaskorken verbirgt. Eine Farbe als Statement. Eine, die Sinnbild ist für die Einmaligkeit und für das Edle der Lagenweine von Katharina Tinnacher, der gerade einmal 37-jährigen Grande Dame des steirischen Weinbaus, deren Gut – innen wie außen Blickfang und architektonisches Meisterwerk – gleichsam allein auf weiter Flur auf einem Hügel in Steinbach bei Gamlitz thront.

2013 hat sie übernommen. Sehr jung also. Übernommen von Vater Fritz, der geradezu blindes Vertrauen in die Tochter hatte und heute mehr denn je hat und der seinerseits 1978 ins Weingut einheiratete, weshalb es den Doppelnamen Lackner-Tinnacher trägt. „Ursprünglich wollte ich ja Kunstgeschichte studieren, aber dann habe ich mich aus einer Laune heraus doch für Weinbau, Önologie und Weinwirtschaft entschieden und bin so richtig reingekippt“, erinnert sich Katharina, stellt aber klar: „Den eigenen Boden lernst du nur zu Hause kennen und nicht auf irgendeiner Fakultät. Und so wichtig das auf der Uni vermittelte Basiswissen auch war, ohne das weitergegebene Wissen meines Vaters stünde ich heute nicht da, wo ich stehe.“

Und wo sie steht, sie, die im Jahr der Übernahme auch gleich auf biologische Bewirtschaftung der Weingärten umgestellt hat, ist längst über Österreichs Grenzen bekannt. Weit vorne steht sie, weit vorne im Spitzenfeld der europäischen Weißweine. Und das aus wahrhaft gutem Grund.
Infos: tinnacher.at

Das Trio aus Ratsch

Ebenfalls nicht weit von Gamlitz befindet sich das Örtchen Ratsch. Und wer Ratsch sagt, muss auch Kögl, Maitz und Zweytick sagen. Und sollte die Dame und die Herren auch besuchen, wenn er oder sie schon mal in der Gegend ist.

Ewald Zweytick ist gewissermaßen der Rockstar unter den steirischen Winzern. Das spiegelt sich einerseits ein klein wenig in seinem optischen Erscheinungsbild wider, andererseits aber vor allem in den Namen, die drei seiner besten Weine tragen: Don’t Cry und Heaven’s Door, zwei Sauvignon Blanc, November Rain, ein Chardonnay. Alle drei sind nach Songs von Ewalds Lieblingsband Guns N’ Roses benannt, und dass sie alle drei in Barrique ausgebaut sind, sei nur der Ordnung halber erwähnt.

„Wie sagen die Iren über ihren Whiskey so schön? Wir trinken, so viel wir können, den Rest verkaufen wir. Ich sehe das ähnlich: Ich mache Wein, der mir schmeckt, und trinke ihn dann. Was übrig bleibt, kommt in den Handel. So einfach kann es manchmal sein.“ Sagt Ewald Zweytick. Und das sagt auch einiges aus über sein sehr spezielles Wesen…

Nur ein paar Kurven weiter, und schon hat man Tamara Kögls Demeter-Weingut samt Buschenschank und Winzerzimmern erreicht. Die hier ausgeschenkten Weine zu lobpreisen, kann man sich schenken. Im Sinne von sparen. Nur so viel: Sie sind exzellent. Vielmehr ist’s die Buschenschank, die in ihrer Ursprünglichkeit erwähnt werden will. Rund 300 Jahre ist sie alt, und als Tamara 2009 begann, sie aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken, zu renovieren und wiederzueröffnen, tat sie das mit so viel Gespür für alte Materialien, dass der Gast das alte Holz oder die mundgeblasenen Fensterscheiben am liebsten streicheln möchte.

Und was für Tamara gilt, gilt auch für all jene, die sie besuchen und – speziell während der warmen Jahreszeit – im Garten sitzen und das Leben dort Schluck für Schluck und Bissen für Bissen genießen: Wenn man sich seiner Schuhe entledigt, erntet man keinen schiefen Blick der Chefin. Im Gegenteil, die tut das nämlich selbst mit großer Vorliebe und läuft barfuß durch das Gras…

Zum Wolfgang Maitz sind’s jetzt nur noch ein paar Gehminuten. Dessen Weingut, Wirtshaus und Weinhotel liegt auf dem höchsten Punkt des Hügels und verwöhnt mit einem Ausblick, der noch einen Hauch gigantischer ist als jener, den man bei Tamara erlebt.

Seit 1957 in Familienbesitz, leitet Wolfgang jun. gemeinsam mit Schwester Stephanie die Geschicke des stetig gewachsenen und heute in vielerlei Hinsicht eindrucksvoll dastehenden Betriebs in dritter Generation. Wolfgang macht den exzellenten Wein, Stephanie führt das besonders charmante Hotel, und in der Küche werkt einer, den man nicht unerwähnt lassen darf. Küchenchef Stefan Prenninger serviert das traditionelle (und beinahe weltbekannte) steirische Backhuhn in herausragender Qualität, ein gebeiztes Filet vom Duroc-Schwein zum Niederknien und – wenn gerade Saison ist – ein Kürbisrisotto mit gebratenen Steinpilzen, für das man Messen lesen lassen möchte. Prost, Mahlzeit!
Infos: ewaldzweytick.at / weingut-koegl.com  / maitz.co.at

Das Guthaben auf der Weinbank

Mitten in Ehrenhausen und direkt an der Hauptstraße befindet sich eines der besten Lokale der Steiermark, wenn nicht überhaupt der gesamten Alpenrepublik: die Weinbank. Und auf dieser speziellen Bank bekommt auch das Wort Guthaben eine völlig neue Bedeutung – Guthaben im Sinne von hier hat man’s gut. So richtig ganz besonders gut nämlich, egal ob im Wirtshaus oder im an Plätzen nicht sehr reichen (Achtung, rechtzeitig reservieren!) ins Wirtshaus quasi integrierten Fine-Dining-Restaurant, das 2022 mit vier Gault&Millau-Hauben geadelt wurde.

Der Name dieser sehr außergewöhnlichen Gaststätte leitet sich übrigens vom Umstand ab, dass hier über 4.000 Weinpositionen vorrätig sind, auch für den Einkauf für zu Hause, und man zudem Schließfächer um 50 Euro pro Jahr mieten kann, um erlesene eigene Weine adäquat temperiert sicher zwischenzulagern.

Fuchs und Zach heißen die beiden Herren, die diesem gleichermaßen modern wie überaus stilvoll eingerichteten Genusstempel seit 2014 jede Menge Leben und noch mehr Lebensfreude einhauchen. Gerhard Fuchs ist der Koch, Christian Zach der Sommelier – zwei Verwobene, die sich – wie sie selbst sagen – „in Küche und Keller wie Topf und Deckel und Flasche und Kork“ ergänzen.

Man könnte an dieser Stelle sehr viel über sehr viele herausragende Gerichte erzählen, lieber aber sei eines stellvertretend erwähnt, nämlich Fuchs’ zum Klassiker gewordene Erfindung mit Namen Dotterraviolo. Der wird übrigens mit Cremespinat und Parmesanemulsion sowie istrischer Herbsttrüffel serviert. Ach, Sie wollen lieber wissen, was genau ein Dotterraviolo ist? Fahren Sie hin, lassen Sie sich einfach überraschen und Sie werden dahinschmelzen vor kulinarischer Glückseligkeit…
Infos: dieweinbank.at

Ein Winzer auf Abwegen

Ein kleines Wohlfühl-Dorado ist sie, die ein wenig versteckt gelegene Buschenschank der Familie Firmenich am Steinberghof! Ausgezeichnet die Weine, exzellent die Küche, der Ausblick ein Hammer. Und doch ist dieser Betrieb ein wenig anders, als viele andere sehr gute seiner Art. Der Winzer nämlich, Sohn Johannes Firmenich, ist eben nicht nur Winzer, sondern widmet sich seit geraumer Zeit auch dem STIN, dem Styrian Gin. Und der ist eine wahre Wucht!

„Da ist mir und meinem Partner Reinhard Jagerhofer offenbar tatsächlich etwas ganz gutes gelungen“, frohlockt der junge Firmenich, grinst verschmitzt und verweist auf die Auszeichnung „World Spirits Award 2018“. Alle Achtung! Und chin-chin.
Infos: firmenich.at

In großer Demut groß geworden

Lange schon braucht man über die Weine der Tements kaum noch Worte zu verlieren – außer natürlich lobende –, zählen sie doch nicht nur in Österreich zu den allerbesten. Papa Manfred legte sehr jung den Grundstein, nachdem er nach dem viel zu frühen Tod seines Vaters den 1962 gegründeten Betrieb in Berghausen, einem Ortsteil von Ehrenhausen, 1979 hatte übernehmen müssen. Heute ist Manfred gewissermaßen die ergraute, aber nimmermüde Eminenz, die Söhne Armin und Stefan schwingen das Zepter, der Betrieb zählt zu den imposantesten und schönsten des Landes.

Waren es 1979 noch bescheidene sechs Hektar Rebfläche, sind es heute knapp 90. Nicht eingerechnet die rund 20, die sich auf slowenischem Boden beheimateten Tochterweingut Domaine Ciringa befinden. Es ist also groß geworden im Lauf der Jahre, das inzwischen auch um acht fantastische Gäste- und Ferienhäuser reichere Familienunternehmen Tement, von Größenwahn kann dennoch so gar keine Rede sein. Im Gegenteil. Besucht man die Familie, so trifft man auf Menschen, die Demut in großen Lettern schreiben. „Nichts ist selbstverständlich, am Ende entscheidet allein die Natur“, sagt Armin. 

Eine Natur, die es glücklicherweise überwiegend gut mit den Tements meint. Und die Tements meinen es gut mit uns, beglücken sie uns doch mit Weinen, allen voran mit Sauvignon Blancs aus Rieden wie jener namens Zieregg, in denen man am liebsten baden möcht’…
Infos: tement.at / winzarei.at     

Ein Alleinunterhalter mit Teamgeist

Auf dem Weg von der Süd- in die Südoststeiermark, inzwischen besser bekannt als Vulkanland, ist Straden die erste Adresse. Und dort im Ort das Weingut Neumeister die allererste. Inklusive Hotel Schlafgut. Inklusive Saziani Stub’n, einem Restaurant von großer Güte und langer Tradition.

In Sachen Wein ist Christoph Neumeister das Mastermind und gewissermaßen der Alleinunterhalter. Und über den und seine Tropfen schreibt der Gault&Millau: „Ein Wein wie sein Winzer: in sich ruhend, tiefgründig, geprägt durch die Herkunft, ganz leise und doch voller Ausdruckskraft. Eine Wohltat in einer oft lauten Zeit. Mit dem Sauvignon Blanc Alte Reben hat Christoph das Idealbild eines wegweisenden Steirers geschaffen.“

Im Grunde ist damit alles gesagt. Zumindest fast. Hinzuzufügen wäre vielleicht noch, dass Christoph gemeinsam mit Katharina Tinnacher gemeinsame Sache macht. Und das nicht nur privat…

KTCN – so heißt das grenzüberschreitende Weingut (ein Teil Südsteiermark, ein Teil Vulkanland), in dem das Dreamteam einerseits mit dem Sauvignon Blow (mit Blasengerl auf dem Etikett) einen SB von der rauen und naturalen Seite in Flaschen füllt, andererseits mit Camouflage, Persiflage und Sabotage drei Weine kreiert hat, die – nach eigenen Angaben – „einzigartig, nicht herkunftsorientiert und bunt zusammengewürfelt“ sind. Was die beiden damit bezwecken? Sie wollen so manche Entwicklung in der Welt des Weinhandels aufs Korn nehmen.

Eine Cuvée aus ernsthaftem Weinmachen mit einem Schuss Augenzwinkern quasi, und das war die Sache allemal wert.
Infos: neumeister.cc / www.persiflage.at

Weit mehr als einfach nur Wein

Dass das Weingut von Stefan Krispel in Hof bei Straden nicht einfach Weingut heißt, sondern Genussgut, hat mehrere Gründe. Da wäre – wie sollte es anders sein – allem voran der Wein. Den macht Stefan, und den macht er mit Hingabe und den macht er so richtig gut. Egal ob weiß, egal ob rot. Eruption beispielsweise ist ein Pinot Noir, der ganz großen Spaß macht.

Aber wie gesagt: Der Wein allein ist es noch lange nicht, denn Stefans Vater Toni, der das Gut einst aufbaute, ist gleichsam der Vater aller Wollschweine, die hier leben und die in weiterer Folge wesentliche Rollen im „Genusstheater“ spielen, in dessen Bühnenzentrum ein mächtiger Block aus Basalt steht, der die Blicke des Publikums, das im Innenhof sitzt, sofort auf sich zieht, während Küchenchef Daniel Weißer und sein Team rund um und auf dem Basalt zu Werke gehen.

Dass man vielerlei Wollschweinprodukte (Verhackertes, Lardo, Würste…) wie auch die großartige Patisserie von Lisa Krispel (und natürlich auch den Wein) im Shop erstehen kann, sei nur am Rande erwähnt. Und das kauft man am besten am Vormittag vor der Abreise, nachdem man eine Nacht in einem der sieben neu gestalteten Zimmer verbracht hat und in der Früh eine Runde schwimmend im Pool.

Das Genussgut Krispel eine kleine Welt in sich. Eine, in der Großes geschieht. Und so sollte der Besucher nicht zuletzt eines mitbringen: ausreichend Zeit.
Infos: krispel.at

TEXT Achim Schneyder I FOTOS Mirco Taliercio

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