Jetzt geht’s ans Eingemachte

Liebe Leserin, lieber Leser,

es hat Jahrhunderte gedauert und mehrere erfindungsreiche Geister benötigt, bis die perfekte Einkoch-Methode entwickelt wurde. Selbst Napoleon war mit im Spiel. Heute hat es der deutsche Glashersteller Weck damit bis in den Duden geschafft.

Mehr Anerkennung geht kaum. Wenn sich ein Markenname so im täglichen Sprachgebrauch festsetzt, dass er zum Synonym wird und im Duden landet, hat man es wohl geschafft. Dabei haben weder der deutsche Glaserzeuger Weck noch sein österreichisches Pendant Rex großartig etwas mit der Entwicklung zu tun. Sie stellten nur die Gläser her, mit denen vor knapp 130 Jahren die Ernährung revolutioniert wurde. Genaugenommen müsste es ja einrempeln statt einwecken oder einrexen heißen, da das Patent am 24. April 1892 von Rudolf Rempel, einem Chemiker aus Gelsenkirchen, angemeldet wurde. Es war „ein Apparat zum selbständigen Schließen und Entlüften von Sterilisiergefäßen“ inklusive Gläsern, die mit einem Gummiring verschlossen waren.

Einer der Ersten, die versuchten, mit Vakuum und Wasserdampf Lebensmittel zu konservieren, war im 17. Jahrhundert Denis Papin. Der französische Universalgelehrte und Physiker experimentierte auf vielen Gebieten ohne Angst vorm Scheitern und trug vermutlich seinen Spitznamen „Katastrophenmensch“ mit Stolz und Würde. Nach mehreren Anläufen klappte dann auch der Papinsche Topf, ein Vorläufer des Druckkochtopfes. Papin erzeugt damit ein Vakuum durch Erhitzung der Luft und konservierte so Gelees und Kochfleisch. Da Gummi damals noch nicht geläufig war, dichtete er seine Gefäße mit Terpentinkitt ab: ein wesentlicher Schritt Richtung einkochen, populär wurde diese Erfindung allerdings nicht.

Als Nächster trat Napoleon Bonaparte auf den Plan, der sich Sorgen um die Verpflegung seiner Truppen machte. Er schrieb 12.000 Goldfrancs für die Entwicklung einer Konservierungstechnik aus, die 1810 an Nicolas Appert gingen. Der französische Konditor war der Erste, der durch Erhitzen und Luftabschluss Lebensmittel für längere Zeit haltbar machte. Die Abläufe schrieb Appert in einem Buch nieder, das 1822 unter dem umfassenden Titel „Die Kunst alle animalischen und vegetabilischen Substanzen nämlich alle Gattungen Fleisch, Geflügel, Wildpret, Fische, Zugemüse, Kuchen – Arzneygewächse, Früchte, Sulzen, Säfte; ferner Bier, Kaffeh, Thee u.s.w. in voller Frische, Schmackhaftigkeit und eigenthümlicher Würze mehrere Jahre zu erhalten“ in deutscher Übersetzung in Wien erschien. Unters Volk brachte das Einkochen zwanzig Jahre später die deutsche Pfarrersköchin Henriette Davidis, die mit ihrem „Praktischen Kochbuch“ ein bis heute gültiges Standardwerk veröffentlichte. Umständlich war das Prozedere zu dieser Zeit aber nach wie vor.

Erst Rudolf Rempel gelang mit seiner volkstauglichen Vereinfachung ein Geniestreich. Er schliff die Ränder von Glasbehältern ab, verschloss sie mit Gummiring und Blechdeckel, beschwerte sie mit einem Stein und kochte das Ganze im Wasserbad. Dazu entwickelte er später einen Apparat, der die Deckel der Gläser festhielt. Rempel überlebte sein Patent nur ein Jahr, einer der ersten Kunden war aber Johann Weck. Er kaufte zunächst einen Waggon Gläser und nach Rempels Tod gleich das ganze Patent.

In den Firmenannalen wird Johann Weck als Naturapostel, Vegetarier und strikter Antialkoholiker beschrieben, der mit der neuen Methode der Konservierung von Früchten mit Hochprozentigem etwas entgegensetzen wollte. Leider fanden die neuen Weck-Gläser, bei denen der Glasdeckel mit einer Metallspange festgehalten wurde, nicht gerade reißenden Absatz. Nur im Raum Emmerich, wo Georg van Eyck die Gläser in seinem Porzellanwarengeschäft im Sortiment hatte, waren sie ein Verkaufsschlager. Georg van Eyck hatte nicht nur kaufmännisches Talent, er hatte auch ein Gespür für das damals noch nicht existente Marketing. Um das Einkochen mit luftdicht verschlossenen Gläsern unters Volk zu bringen, veranstaltete er Vorführungen für seine Kunden, quasi der Vorläufer der späteren Tupperware-Partys. Exakt zur Jahrhundertwende am 1. 1. 1900 gründeten der Naturfreund Weck und der geschäftstüchtige van Eyck gemeinsam J. Weck & Co. und gingen damit ans Eingemachte im Alltag. Ohne industrielle Zusatzstoffe und ohne Kühlung ist Einwecken bis heute die beste Methode zur Vorratshaltung.

Ihr 

Gault&Millau Deutschland

Foto: Klaus Fritsch

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